The Political Implications of Having Fun (while Programming Open Source)

Zusammenfassung von Benno Luthigers Präsentation an der Europython 2011.

Der Spass am Programmieren ist ein wichtiger Treiber dafür, dass viele Software Entwickler sich an Open-Source-Projekten beteiligen und mit ihrem Engagement zum Teil grossartige Software für die Allgemeinheit entwickeln. Wenn Spass ein gute Arbeit motivieren kann, kann dieses Prinzip verallgemeinert werden? Kann Spass nicht nur für Open-Source-Programmierer, sondern für Software-Entwickler allgemein oder, besser noch, für alle Werktätigen als Motivator eingesetzt werden?

Um diese Frage zu beantworten, müssen die Arbeitsbedingungen genauer unter die Lupe genommen werden. Gibt es Elemente im beruflichen Arbeitsumfeld, welche es verunmöglichen, dass die Werktätigen Spass bei der Arbeit haben?

In meiner Dissertation (Spass und Software-Entwicklung) habe ich nachweisen können, dass kommerzielle Software-Entwickler tatsächlich signifikant weniger Spass haben als Programmierer, die in ihrer Freizeit an Open-Source-Projekte arbeiten. Allerdings zeigen meine Forschungsresultate, dass der Grund für diese Unterschiede nicht Eigenheiten des beruflichen Umfelds sind, welche zwangsläufig mit diesem Kontext verbunden sind. Meine Daten zeigen, dass weder Abgabetermine, noch formale Autorität und erst recht nicht die Bezahlung der Leistung sich negativ auf den Spass an der Arbeit auswirken. Massgebend dafür, dass Software-Entwickler in kommerziellen Projekten weniger Freude empfinden ist vielmehr der Umstand, dass unter kommerziellen Bedingungen die optimale Herausforderung des Entwicklers weniger beachtet wird und eine Projektvision fehlt. Diese beiden Faktoren bilden eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Tätigkeit Spass machen kann.

Meine Forschungsresultate lassen demnach die Schlussfolgerung zu, dass auch unter kommerziellen Bedingungen Software-Entwickler gleichermassen Spass an der Arbeit haben können wie Open-Source-Programmierern. Es gibt aus theoretischer Sicht keinen Grund, dass ein kommerzielles Umfeld die Freude an der Arbeit verhindern oder erschweren könnte. Die Resultate zeigen auch auf, welche Faktoren berücksichtigt werden müssen, damit dieses Ziel tatsächlich erreicht werden kann.

Gilt dieser Befund nur für Software-Entwickler oder für berufliche Tätigkeiten allgemein?

Die letzten 100 Jahre haben die Arbeitswelt in allen entwickelten Ländern grundlegend verändert. Vor 100 Jahren waren die meisten arbeitstätigen Menschen in der Landwirtschaft oder der Industrie beschäftigt. Mittlerweile arbeiten mehr als 70% der Menschen im Dienstleistungssektor. Gleichzeitig wurde die Bedeutung der Ausbildung für die Arbeitstätigkeit immer wichtiger. Heute leben und arbeiten wir in einer Wissensgesellschaft.

Der Begriff „Wissensgesellschaft“ wurde von Peter Drucker eingeführt. Drucker war ein Pionier der modernen Managementlehre und seine Wirkung auf die Management-Theorie ist immer noch deutlich spürbar. Mit dem Begriff „Wissensgesellschaft“ wies Drucker auf den Umstand hin, dass sich die moderne Arbeitsgesellschaft fundamental von der Industriegesellschaft unterscheidet, welche im Wesentlichen durch manuelle Tätigkeiten bestimmt war. In der modernen Ökonomie ist der Handarbeiter durch den Kopfarbeiter ersetzt worden.

Dieser Sachverhalt spielt in einer arbeitsteiligen Gesellschaft eine wesentliche Rolle. In einem Unternehmen mit Eigentümern und Angestellten besteht das Problem, dass die Angestellten eigene Interessen haben und nicht unbedingt im Sinne des Unternehmens arbeiten. Der Arbeitgeber hat zwei Möglichkeiten, die Angestellten dazu zu bringen, dass sie zum Unternehmensziel beitragen: er kann entweder Kontrolle ausüben oder er kann versuchen, die Loyalität der Angestellten zu gewinnen. In der Industriegesellschaft, bei manuellen Tätigkeiten ist die Ausübung von Kontrolle eine mögliche und gängige Option. Die Arbeiter bekommen einen Plan vorgelegt, in welchem quantitative Ziele festgelegt sind, welche der Arbeiter zu erreichen hat. Eine Zielabweichung wird festgestellt und auf irgendwelche Weise sanktioniert.

In der Wissensgesellschaft ist eine solche Art von Kontrolle kaum noch durchführbar. Ein Merkmal der Wissensgesellschaft ist, dass die einfache, repetitive Arbeit weitgehen wegrationalisiert worden ist. Für den Arbeitgeber ist nicht mehr massgebend, was der Angestellte gemessen an einem vordefinierten, quantitativ messbaren Plan vollbringen kann. Solche Arbeiten kann auch eine Maschine erledigen. Wesentlich ist, was der Angestellte flexibel, unkontrolliert und kreativ leisten kann. Mit solchen Eigenschaften hebt sich der moderne Angestellte von Maschinen und von anderen Angestellten ab. Die Fähigkeit der Angestellten, auf ungeplante und ungewohnte Situationen reagieren zu können, ist vor allem unter Wettbewerbsbedingungen ein zentraler Erfolgsfaktor. Es sind solche Mitarbeiter, welche es dem Unternehmen ermöglichen, sich von der Konkurrenz abzuheben und einen Wettbewerbsvorsprung zu erreichen.

Wie kann nun ein Unternehmen seine Angestellten dazu verpflichten, am Unternehmenserfolg zu arbeiten, wenn es nicht kontrollieren kann, was sie leisten? Als einzige Möglichkeit bleibt der Versuch, die Loyalität der Angestellten zu gewinnen. Loyale Mitarbeiter tragen aus eigenem Antrieb zum Unternehmensziel bei. Sie leisten mehr als Planerfüllung, sondern sorgen sich beispielweise um das Arbeitsklima, den Ruf des Unternehmens oder steuern Ideen bei, wie Verbesserungen erreicht werden können.

Ein Unternehmen kann die Loyalität seiner Angestellten weder einfordern noch kaufen. Loyalität ergibt sich aus einem Austausch: die Mitarbeiter geben ihre Loyalität, wenn der Arbeitgeber seinerseits bereit ist, das Potential des Mitarbeiters zu fördern. Wo der Mitarbeiter anerkannt ist, wo seine Arbeit gewürdigt wird, wo er sich entfalten kann, da ist er loyal.

Nun sind das genau jene Voraussetzungen, welche es dem Angestellten ermöglichen, Spass an seiner Arbeit zu haben. Wenn sich der Angestellte entfalten kann, dann hat er offensichtlich eine Herausforderung, die seinem Können angepasst ist, und er weiss, wofür er arbeitet, hat also eine wir auch immer geartete Vision.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich somit die Schlussfolgerung, dass in der arbeitsteiligen Wissensgesellschaft die Arbeit nicht nur für Software-Entwickler, sondern für die Angestellten allgemein Spass machen kann. Im eigenen, langfristigen Interessen suchen die Arbeitgeber nach der Loyalität der Angestellten und geben diesen, als Gegenleistung, die Möglichkeit, sich am Arbeitsplatz zu entfalten. Weil und indem sie dies tun, schaffen sie die Voraussetzungen dafür, dass die Arbeit Spass macht.

Diese Überlegungen sind keine Vision, sondern eine Praxis, welche in vielen modernen und erfolgreichen Unternehmen beobachtet werden kann. Allerdings gibt es auch viele Firmen, welche meilenweit von einem solchen Zustand entfernt sind. Solche Arbeitgeber legen wenig Wert auf das Potential die Fähigkeiten ihrer Angestellten, entsprechend schlecht ist das Arbeitsklima und die Arbeitsleistung der Angestellten.

Was sind die politischen Implikationen solcher Überlegungen?

Wo die Arbeit Spass macht, ist der linke Kampfruf von der „Befreiung von der Arbeit“ offensichtlich überholt. Für eine Wissensgesellschaft massgebend ist vielmehr die „Befreiung in der Arbeit“. Es geht nicht darum, die Bevölkerung möglichst früh von der Arbeit zu befreien und in ein Rentensystem zu versorgen, sondern es geht darum, sich Gedanken über Qualität der Arbeit zu machen. Unter welchen Bedingungen ist es möglich, dass alle Werktätige in der Wissensgesellschaft Freude an der Arbeit empfinden können?

Wenn wir uns über die Qualität der Arbeit Gedanken machen, so müssen wir konsequenterweise auch darauf bestehen, dass durch die Arbeit Wert geschaffen wird, und wir müssen den durch die Arbeit erzeugten Wert würdigen. Wenn wir das Produkt der Arbeit geringschätzen, wird es uns kaum gelingen, die Arbeit als solche zu schätzen.

All diese Überlegungen basieren auf der Feststellung, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben und arbeiten. Sie setzen also voraus, dass wir Teil der Wissensgesellschaft sind. Dies setzt wiederum eine entsprechende Ausbildung voraus. Ein hochwertiges Bildungswesen ist eine der wichtigsten Voraussetzung dafür, dass die Menschen Bürger der Wissensgesellschaft werden und Spass an ihrer Arbeit haben können.